
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erhöht den Druck auf Österreich, sein Budget und die Schuldenquote mit strukturellen Reformen zu stabilisieren. Im Zentrum stehen dabei die Familienleistungen: Diese sollten laut dem Österreich-Experten der OECD, Falilou Fall, stärker auf einkommensschwache Haushalte ausgerichtet und für wohlhabendere Familien gekürzt werden. Fall präsentierte die Empfehlungen im Rahmen einer Expertendiskussion zum aktuellen OECD-Länderbericht an der Universität Wien.
Nach OECD-Berechnungen erhalten Familien über alle Einkommensgruppen hinweg derzeit ähnlich hohe Transfers aus Familienbeihilfe, Kinderabsetzbetrag, Kinderbetreuungsgeld und Familienbonus. Haushalte im untersten Einkommensdezil kommen demnach im Schnitt auf 7.691 Euro pro Jahr, jene im obersten Dezil auf 8.078 Euro. Eine stärkere Umverteilung – höhere Leistungen für einkommensschwache Familien, geringere Transfers für hohe Einkommen – könnte laut OECD die Gesamtarmutsquote um rund zwei Prozentpunkte senken; Kinderarmut würde demnach um 6,4 Prozentpunkte zurückgehen.
Aus Sicht der OECD sollte eine Reform der Familienleistungen in ein breiteres steuerpolitisches Paket eingebettet werden. Da Kürzungen steuerbezogener Familientransfers den Grenzsteuersatz erhöhen könnten, plädiert Fall für eine wachstumsfreundlichere Neuausrichtung des Steuersystems: niedrigere Abgaben auf Arbeit, dafür höhere Steuern auf Vermögen und eine Anhebung der Mehrwertsteuer. Zusätzlich spricht er sich für mehr Steuerautonomie der Gemeinden aus und fordert höhere öffentliche Ausgaben für Kinderbetreuung.
Über die Familienpolitik hinaus ortet die OECD weiteren Konsolidierungsbedarf auf der Ausgabenseite. Im öffentlichen Dienst sollen Effizienzgewinne vor allem durch eine stärkere Digitalisierung erzielt werden. Beim Pensionssystem empfiehlt Fall, das gesetzliche Antrittsalter an die steigende Lebenserwartung anzupassen. Einschnitte sieht die OECD zudem bei Subventionen für fossile Energieträger vor; im Gegenzug sollten Steuern auf fossile Treibstoffe steigen. Insgesamt zielen die Vorschläge darauf ab, Budgetdefizit und Schuldenquote zu dämpfen, ohne das Wachstumspotenzial der österreichischen Wirtschaft zu schwächen und zugleich Verteilungseffekte zugunsten einkommensschwacher Haushalte zu verstärken.

Im Vorfeld des internationalen HPV-Kongresses EUROGIN, der vom 18. bis 21. März im Austria Center Vienna stattfindet, weisen Fachleute darauf hin, dass Humane Papillomaviren (HPV) nur einen Teil der Ursachen für anogenitale Krebserkrankungen ausmachen. Zwar sind HPV nach aktuellen Angaben für rund 95 Prozent der Plattenepithelkarzinome am Gebärmutterhals und am Anus verantwortlich, doch bei Krebs an Vulva und Penis wird nur etwa die Hälfte der Fälle mit dem Virus in Verbindung gebracht. Die übrigen Tumoren entstehen ohne nachweisbare HPV-Beteiligung – und diese HPV-unabhängigen Formen gelten als häufig aggressiver.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterscheidet im Anogenitalbereich, zu dem Gebärmutterhals, Anus, Penis und Vulva zählen, systematisch zwischen HPV-induzierten und HPV-unabhängigen Karzinomen. HPV-assoziierte Tumoren werden als Spätfolge einer sexuell übertragenen HPV-Infektion eingeordnet. Die genauen Ursachen für HPV-negative Karzinome sind dagegen bislang nur unvollständig geklärt, heißt es in einer Aussendung des Austria Center Vienna. Dermapathologin Sigrid Regauer betont, die Ätiologie dieser HPV-negativen Formen sei nach wie vor Gegenstand intensiver Forschung.
Für die klinische Praxis ist die Unterscheidung nach Angaben Regauers entscheidend. HPV-unabhängige Krebserkrankungen entwickeln sich demnach deutlich schneller als HPV-induzierte Karzinome. Bei letzteren vergehen zwischen Infektion, dem Auftreten nicht-invasiver Krebsvorstufen und dem Übergang in ein invasives Karzinom oftmals viele Jahre bis hin zu Jahrzehnten. Dieses langsame Fortschreiten eröffnet behandelnden Ärztinnen und Ärzten die Möglichkeit, neben chirurgischer Entfernung oder Lasertherapie auch zeitintensivere Therapieansätze zu verfolgen. Bei HPV-negativen Tumoren bleibt dieses therapeutische Zeitfenster in der Regel enger.
Besonders bei HPV-negativen Vulva- und Peniskarzinomen spielen entzündliche Hauterkrankungen eine gewichtige Rolle. Nach den vorliegenden Angaben entstehen etwa zwei Drittel dieser Tumoren auf dem Boden von Dermatosen, also chronischen Entzündungen der Haut wie Ekzemen. Solche Dermatosen treten häufig gemeinsam mit anderen Autoimmunerkrankungen auf. Für Expertinnen und Experten unterstreicht dies, dass Prävention und Früherkennung von Genitalkrebs nicht allein durch HPV-Impfprogramme abgedeckt werden können, sondern eine differenzierte dermatologische und immunologische Abklärung erfordern.